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Ein Meister der Kontraste

Jean-Frédéric Neuburger im Gespräch über sein neues Werk „Faits et gestes“ zur Uraufführung im 11. Sinfoniekonzert des Gürzenich-Orchesters am 16./17.18.Juni 2019.


Er studierte Klavier, Orgel und Komposition und verließ mit gerade mal 19 Jahren das Pariser Konservatorium mit fünf ersten Preisen: Jean-Frédéric Neuburger, ein Pianist und Komponist, der mit den weltweit bedeutendsten Dirigenten und Orchestern seine Werke aufführt.  Als Solist war er mit den New Yorker Philharmonikern und dem San Francisco Symphony zu hören ist und arbeitete mit  Dirigenten wie Lorin Maazel, Christoph von Dohnanyi und Michael Tilson Thomas zusammen. Er spielt auf zahlreichen internationalen Festivals und tritt als Kammermusiker unter anderem mit dem Quartett Modigliani, Bertrand Chamayou oder Renaud Capuçon auf. Patricia Knebel sprach mit ihm über sein neues Stück „Faits et gestes“.

 

Herr Neuburger, was bedeutet der Titel ihres Stückes „Faits et gestes“ (Fakten und Gesten)? Worauf bezieht er sich?

„Faits et gestes“ bedeutet, dass ich mich in diesem Stück einerseits auf markante und kurze Ereignisse wie Akkorde konzentrieren wollte – das sind die „Fakten“ – und andererseits auf kleine melodische Phrasen: das sind die „Gesten“. Darüber hinaus findet sich wie in all meinen Stücken eine durchgehende melodische Linie, mal deutlich hörbar, mal verborgen, die sich durch das ganze Werk zieht.

 

Was hat Sie zu dem Stück inspiriert, was war ihre Ausgangsidee?

Ich wollte pure Energie und eine lyrische Stimmung miteinander verbinden. Die Detailarbeit an der Phrasierung, Spielanweisungen wie legato, staccato, marcato, glissando helfen dabei. In der populären Musik, Rock, Pop, Schlager, was auch immer, wird eine musikalische Phrase niemals genau gleich wiederholt – weil die unterlegten Worte andere sind als beim ersten Auftauchen der Phrase, oder ihre Bedeutung an dieser Stelle im Song eine ganz andere ist.

In der klassischen Musik versucht man aber fast immer genau das Gegenteil zu erreichen: man versucht, ein für alle Mal die richtige Phrasierung zu finden und sie dann genau so zu wiederholen, jedes Mal, wenn diese bestimmte Phrase wiederholt wird. Meiner Meinung nach verändert sich aber die Stimmung, die psychische Verfassung eines Zuhörers während des Hörens, seine Bedürfnisse oder seine Ansichten, und darauf möchte ich reagieren. Deshalb verändere ich die Phrasierungen, ausgeschrieben in der Notation – dass ist das, was ich unter „Gesten“ verstehe.

Der Orchesterklang in „Faits et gestes“ ist eigentlich ein permanentes tutti, mit einer Menge Blech. Es gibt keinerlei Schlagwerk. Ich möchte generell einen lyrischen Klang - die kurzen Impulse, die ja für das Schlagwerke charakteristisch sind, passen nicht dazu. Manchmal erinnert der Orchesterklang auch an eine Orgel mit ihren hohen Mixturen, wenn man verschiedene Register miteinander mischt.

 

Was bedeutet Ihnen die Nachbarschaft zu Robert Schumann? Zusammen mit ihrem Werk sind im gleichen Programm sein Klavierkonzert, mit Ihnen als Solist, und seine „Frühlingssinfonie“ zu hören.

Schumann ist ein Meister der Kontraste, das hat einen großen Einfluss auf mich als Interpret wie als Komponist. Er versteht es perfekt, die einander entgegengesetzten Pole Kontrast und Einheit auszubalancieren. Manche monieren, dass Schumann keine Meister im Orchestrieren gewesen sein. Das ist komplett falsch. Er hatte nur keine Interesse an Klangmalerei. Ihm ging es immer um die pure Essenz seiner Musik. Sein Orchesterklang ist genau der, den er dafür brauchte und nichts mehr, keine besonderen Klangeffekte oder so…

Ich habe viele seiner Solowerke für Klavier wie seine Kammermusik gespielt, und ich glaube, seine „kammermusikalische Seite“ tritt im Klavierkonzert deutlich zutage: Hier ist das Klavier zeitweise wirklich ein Teil des Orchesters und nicht einfach ein Solist im Wettbewerb mit dem Orchester. Dieses Modell des Wettkampfs, der Konkurrenz um die musikalische Vorherrschaft wurde nach Schumann ziemlich bald zur Regel in der Tradition der Klavierkonzerte. Franz Liszt, Maurice Ravel und Sergej Prokofiev bieten dafür gute Beispiele. Zwei Beispiele dagegen aus Schumanns Konzert: Die Melodie der Violoncelli im 2. Satz, oder das Finale, hier wechseln sich Oboe und Streicher permanent mit dem Klavier ab, das dieselben Phrasen wiederholt – aber sehr viel sanfter. Ich freue ich sehr darauf, das Konzert mit François-Xavier Roth und dem Gürzenich-Orchester zu spielen!

Übersetzung aus dem Englischen von Johannes Wunderlich