»Ein leuchtender Komet« - Berlioz in Köln

Zum 150. Todesjahr von Hector Berlioz (1803-1869) widmet das Gürzenich-Orchester dem französischen Komponisten einen Saisonschwerpunkt. »Die Musik von Hector Berlioz ist ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit. Er überrascht uns noch heute und es wird Zeit, ihn besser kennen zu lernen!«, erklärt Gürzenich-Kapellmeister François-Xavier Roth seine Wahl. Er setzt fünf wegweisende Werke des Klangpioniers für die Saison 2019/20 auf das Programm: »L’enfance du Christ« im Domkonzert, Die Konzertouvertüre »Le Corsaire« mit der jungen Dirigentin Elim Chan, die Ouvertüre »Les Francs-Juges« und »Harold en Italie« mit den Berlioz-Spezialisten Sylvain Cambreling und Antoine Tamestit (Viola) sowie die »Symphonie fantastique« zum Saisonauftakt.

Alle Konzerte mit Musik von Hector Berlioz in der Saison 2019/20

»Ein Komet war er, – weithin leuchtend, etwas unheimlich anzuschauen, bald wieder verschwindend.«Mit diesem kosmischen Bild umschreibt Ferdinand Hiller die Persönlichkeit seines Jugendfreundes und Kollegen Hector Berlioz am Ende einer ausführlichen»Lebenserinnerung«, die er ihm zehn Jahre nach dessen Tod gewidmet hat.»Energisch bis zum Heroismus, eigensinnig, gewaltsam und doch gefügig, ja, schwach – überlegend, geduldig, ausdauernd und doch augenblicklichen Eindrücken maßlos nachgebend-gutmütig, gefällig, liebenswürdig, dankbar und wieder bitter, scharf, ja, rachsüchtig«, versucht Hiller die widersprüchlichen Charakterzüge von Berlioz zu fassen. Im Februar 1867 war es dem Kölner Kapellmeister gelungen, Berlioz zu einem Konzert mit seinem Orchester an den Rhein zu locken. Es sollte sein letztes in Deutschland bleiben. Knapp zwei Jahre später verstarb Berlioz.

Nach Schwerpunkten zu Brahms, Mendelssohn und Schumann rückt das Orchester mit Berlioz einen weiteren engen Freund von Roths Vorgänger, dem Gürzenich-Kapellmeister Ferdinand Hiller (1811-1985) in den Fokus. Patrick Hahn, Künstlerischer Programmplaner des Gürzenich-Orchesters, hat in seime Essay die Spuren verfolgt, die Berlioz in Köln und im Rheinland hinterließ. 

»Acht Jahre älter als ich, seit sechs Jahren in der französischen Hauptstadt, hatte Berlioz den Kampf ums Dasein kennen gelernt und war, wenigstens im Verhältnis zu mir, ein durch trübe Erfahrungen gereifter Mann, wenn auch sein durchaus jugendliches Wesen jene südliche Lebhaftigkeit zur Schau trug, die ihn nie gänzlich verlassen. In hohem Grade fühlte ich mich von dieser überschwänglichen Natur angezogen. « - Gürzenich-Kapellmeister Ferdinand Hiller (1811-1985)

Auch für diesen ersten und einzigen Auftritt in Köln musste sich Hiller sehr ins Zeug legen. »Ich habe zweimal abgesagt, sie haben ein drittes Mal darauf bestanden und schließlich, ohne zu wissen, was dabei herauskommen würde, habe ich es gewagt, die Reise zu unternehmen«, schreibt Berlioz im Anschluss an die Köln-Reise an seine Jugendliebe Estelle Fournier, mit der er sich nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau wieder angefreundet hatte. »Schwere Krisen plagten mich, fürwahr, aber schließlich habe ich dennoch drei Proben und das Konzert machen können. Der Kapellmeister, Herr Hiller, mein alter Freund, über dessen wahre Gefühle ich meine Zweifel hatte, hat mich mit ehrlicher Herzlichkeit aufgenommen. Wir haben uns wieder miteinander verbunden. Sein Orchester war bewundernswert und das Publikum sehr warm. […] Man hat ein prächtiges Abendessen zumeinen Ehren gegeben. Fanfaren, Reden, etc.« Seinen Nichten gegenüber ergänzte Berlioz seine Schilderung um die Bemerkung, dass er »ein so hervorragendes Orchester niemals am Rheinufer erwartet hätte«, und sein Bericht wird auch bestätigt in der Erinnerung von Ferdinand Hiller an die »unvergesslichen Tage«, die Berlioz in Köln zubrachte. »Ein jäherer Wechsel von Stimmungen und Zuständen, wie wir sie an ihm in jener Zeit erlebten, ist kaum denkbar. So oft ich ihn in seinem Gastzimmer aufsuchte, abholte, fand ich ihn müde und elend, meistens, zu welcher Tageszeit auch, zu Bett; er klagte, nichts zu sich nehmen, kaum sprechen zu können – und eine halbe Stunde später speiste er, zwar halb widerstrebend, so männlich fest, wie die Wirtin es nur wünschen konnte – und plauderte, erzählend oder betrachtend, mit der lebendigen, ja heftigen Beredsamkeit, die ihm eigen war. Eines Morgens schleppte er sich mit Not zur Orchesterprobe (fahren wollte er nicht); – kaum aber stand er am Dirigentenpult, so war er wie umgeschaffen; lebendig, energisch, übersprudelnd. Er erinnerte an den Schwan, der, sich mühselig erhebend, schwerfällig zum Wasser watschelt, sobald er aber sich hinabgelassen, in majestätischer Ruhe auf der nassen Fläche hinzieht. Die Ruhe war es nun freilich nicht, wodurch sich Berlioz auszeichnete – ein Orchester ist aber auch kein See, wenn sich auch Himmlisches in ihm widerspiegelt.«Immerhin das Hôtel Royal schien Berlioz gekannt zu haben, denn wenngleich das Konzert im Jahr 1867 sein einziges Auftreten als aktiver Musiker markiert, war er zuvor mehrfach durch das Rheinland hindurch gekommen. Wie sein Zweifel an den wahren Gefühlen seines Freundes Hiller zum Ausdruck bringt, waren es nicht nur positive Gefühle, die Berlioz mit den Bewohnern der Region in Verbindung brachte. Eine Aufführung seines Oratoriums L’enfance du Christ im Rahmen des Aachener Musikfests unter Leitung von Franz Liszt im Juni 1857 mündete in einen Eklat. Liszt hatte das Werk gegen den Willen des Komitees im Programm »durchgedrückt« – eine Kölner Abordnung, in der auch Ferdinand Hiller eine prominente Rolle gespielt haben soll, zischte die Aufführenden aus. Liszt war mittelbar auch verantwortlich für den ersten Ausflug von Berlioz ins Rheinland. Anlässlich der Einweihung des Beethoven-Denkmals im August 1845 in Bonn hatte Liszt geplant, das Requiem von Berlioz zu Ehren Beethovens aufzuführen. Allein, die lokalen Kräfte reichten für eine Aufführung nicht aus und so reiste Berlioz lediglich als Reporter nach Bonn und schrieb für das Journal des Débats einen zweiteiligen Bericht über die Festspiele, die sich in Bonn ereigneten. Er nutzte die Reise zugleich auch für Visiten im Schloss Brühl, wo der König von Preußen ebenfalls ein Konzert veranstaltete und genoss privat für einige Tage die Idylle in Königswinter.

Ein wenig überrascht ist man doch, dass Berlioz nur einmal in Köln war und auch erst zu einem so späten Zeitpunkt, führt man sich vor Augen, wie eng Hiller und Berlioz in ihrer Jugend miteinander befreundet waren.»Wenige Monate, nachdem ich im Herbst 1828 in Paris eingetroffen war, machte ich Berlioz‘ Bekanntschaft«, erinnert sich Hiller.»Acht Jahre älter als ich, seit sechs Jahren in der französischen Hauptstadt, hatte er den Kampf ums Dasein kennen gelernt und war, wenigstens im Verhältnis zu mir, ein durch trübe Erfahrungen gereifter Mann, wenn auch sein durchaus jugendliches Wesen jene südliche Lebhaftigkeit zur Schau trug, die ihn nie gänzlich verlassen. In hohem Grade fühlte ich mich von dieser überschwänglichen Natur angezogen.«Berlioz zehrte, wie Hiller nicht ohne Stolz unterstreicht, auch als Musiker von ihrer Begegnung. Erst kurz zuvor hatte Berlioz die Sinfonien Beethovens kennengelernt. Der jüngere Freund, der Beethovens5.Klavierkonzert als Erster in Paris aufführte, hatte gar als Sechzehnjähriger Beethoven noch persönlich getroffen und nannte eine Locke des verstorbenen Meisters sein Eigen.»Wir schwärmten zusammen und es war mir vergönnt, ihn mit den Sonaten des Meisters bekannt zu machen und mich an der Freude ergötzen zu dürfen, die ihm hierdurch zu Teil wurde.«

»Berlioz ist einer meiner Lieblingsmusiker und zugleich ein Künstler, den wir heute noch entdecken müssen. Er war zu seiner Zeit ein Musiker der Avantgarde und des Experiments, er überrascht uns noch heute und es wird Zeit, dass wir ihn besser kennen lernen.« François-Xavier Roth

Wie es im Leben junger Künstler in Paris kaum anders sein kann, spielten auch Liebesaffären eine Rolle – und hier mag der Küchenpsychologe einen ersten Grund der Distanzierung zwischen beiden ausmachen. Süffisant schildert Berlioz in seinen Memoiren, wie sein Freund H. ihn zum postillon d’amour bei Frau M. auserkoren hatte und er selbst sich unversehens in den Armen jener begabten Pianistin Marie Moke fand, für die sein Freund schwärmte. Kurz darauf verlobte er sich (gegen den Willen ihrer Eltern) mit Marie, die während eines Rom-Aufenthaltes von Berlioz jedoch den Sohn des Klavierfabrikanten Pleyel heiratete. Diskret verwandelt Ferdinand Hiller in seiner Lebenserinnerung denmitH. abgekürzten Freund in einen»jungen deutschen Tonkünstler«.

Hiller wusste nur zu gut, welche Rolle die Liebe und die Leidenschaft für Berlioz nicht nur als Mensch, sondern auch als Künstler spielten. »Für mich bleibt es zweifellos, dass seine Phantasie dabei viel mehr im Spiel war als sein Herz – für die Folge und die Folgen ist das aber gleichgültig«, urteilt Hiller in seinen Erinnerungen. Hautnah erlebte er mit, wie sich sein Freund Hals über Kopf in die irische Schauspielerin Harriett Smithson verliebte, als er sie als Darstellerin in den Dramen Shakespeares auf der Bühne sah. »Berlioz gab sich mit der ganzen Überschwänglichkeit poetischer Verzückung seiner Leidenschaft hin, und seiner Natur gehorchend, die es ihm nicht erlaubte, irgend etwas im Herzen zu tragen, ohne sich auszusprechen, erfüllte er auf Spaziergängen mit uns die teilnahmslosen Boulevards und die umliegenden Straßen mit Liebesklagen. Es gehörte die volle Sympathie dazu, die seine Freunde ihm schenkten, um sie zu geduldigen Hörern zu machen und ihre Ermüdung zu verbergen – denn nichts wurde uns geschenkt – nicht die Beschreibung schlafloser Nächte, – nervöser, sich in Tränen lösender Anfälle, – langen Umherirrens in Paris und der Umgegend – momentanen Hoffens, trostloser Entsagung. ›Wäre es ein Anderer‹, sagte Girard zu mir‚ ›ich wollte ihm nach Hause leuchten.‹«

Jahre später, bei einer Aufführung der Symphonie fantastique, in der Berlioz seine Liebe zu Harriett verarbeitet hatte, verliebte sich die Schauspielerin ebenfalls in ihn. Das Glück schien zum Greifen nah. Doch versagten die Eltern die Zustimmung zur Hochzeit und die Liebespein setzte erneut ein. Vor dem Entschluss auch ohne Einwilligung der Eltern zu heiraten vermachte Berlioz, in Sorgen vor den Folgen, Hiller seine Manuskripte. Wiederum leuchtete der Freund Berlioz nicht nach Hause, sondern führte ihn schließlich, gemeinsam mit dem Exilrheinländer Heinrich Heine, als Trauzeuge zum Altar.»Es war ein stiller, etwas trüber Actus, nach dessen Vollzug die Neuvermählten ihre entfernt gelegene Wohnung aufsuchten und Heine mir gegenüber seinen wehmüthig-spöttischen Betrachtungen freien Lauf ließ. Man konnte nicht unter ungünstigeren Verhältnissen die Erfüllung eines höchsten Lebenswunsches erreicht haben.«

Reichen diese – mehr ins Private denn ins Musikalische – ausgreifenden Erinnerungen hin, um zu begreifen, wieso Ferdinand Hiller seinem Kölner Publikum nur ein weiteres Mal, 1851, mit König Learein weiteres sinfonisches Werk seines Jugendfreundes vorgestellt hat? In seiner Würdigung hebt Ferdinand Hiller besonders zwei Dinge hervor mit denen Berlioz,»der sich mit mehr als nur einem Griffel in die Musikgeschichte eingeschrieben hat«, sich vor anderen auszeichne:»Erstens der Trieb, durch die Instrumentalmusik bestimmte Vorgänge mit Deutlichkeit darzustellen – zweitens, vor allem durch ausgesuchteste, oft sehr glücklich erfundene Klangmischungen zu seinen Zwecken zu gelangen.« Als»Instrumentalmaler« stand Berlioz jedoch auf einer anderen Seite einer ästhetischen Debatte, welche die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts spaltete. Hiller stellte sich – im Schatten von Brahms – auf die Seite der absoluten Musik, der»tönend bewegten Formen«.»Wenn die sogenannte Neudeutsche Schule Franz Liszt und Richard Wagner an ihre Spitze stellt, so darf der Franzose Hector Berlioz unbedingt verlangen, als Dritter im Bunde aufgenommen zu sein«, unterstreicht Hiller die historische Bedeutung von Berlioz. Die Metapher des Kometen, die Hiller für ihn wählt, entpuppt sich jedoch als vergiftetes Lob, wenn er schreibt:»Hector Berlioz gehört nicht in unser musikalisches Sonnensystem – er gehört nicht zu den Planeten, weder zu den großen noch zu den kleinen.« Doch Hiller weiß auch genau um die Anziehungskraft seltener Himmelsphänomene.»Seine Erscheinung wird […] unvergessen bleiben. Dass ein ähnlicher am musicalischen Firmament sich wieder zeigen werde, ist weder zu hoffen noch zu fürchten und schwerlich zu erwarten.« Er wusste sehr genau, warum er seinen Kölnern diesen Kometen– und seinem Orchester dieses Himmelslichtzeigen wollte.